• Verfasser: Traudi Schlitt
  • Themen: Thema: Presse
  • 0

Schön war’s!

4. Alsfelder Kulturtage gehen mit Jazz zu Ende – nur zufriedene Gesichter nach 11 Tagen Kultur

Genau das Richtige für einen gechillten Sommerabend war der New Orleans – Jazz, den Trevor Richards and Friends am Sonntag zum Ausklang der 4. Alsfelder Kulturtage darboten. Fans des gepflegten Jazz und des in Heimertshausen ansässigen Drummers hatten sich schon lange auf diesen – fast schon traditionellen – Abschluss der Kulturtage gefreut und kamen an deren Ende noch einmal reichlich in die Aula der Albert-Schweitzer-Schule in der Krebsbach. Doch auch die Tage zuvor hatten noch jede Menge für Kultur- und Kunstinteressierte zu bieten.

Musik-Mélange – ein ganz besonderes Konzert mit ganz besonderen Gastgebern: Wladimir, Marina und Ilja Pletner spielten am Himmelfahrtstag im Alsfelder Marktcafé auf und ließen dort die legendäre Atmosphäre vergangener Kaffeehauszeiten wieder auferstehen. Im einzigartigen Stil dieser Epoche spielten sie bekannte Melodien aus den 20er- und 30er-Jahren: Walzer, Foxtrott, Tango, Lieder aus dem Repertoire der Comedian Harmonists – Erinnerungen an die „gute alte Zeit“, in denen die Zuhörer bei einem Stück Torte und einem Kaffee (was sonst?) schwelgen konnten.

Foto: Walden

Sagenhaftes Hessen – Ein spannendes Thema war es, dem der Neu-Romröder Syrdal von Ro sich am Donnerstagabend in Karo’s TeeOase widmete. In seinem musikalisch-literarischen Programm ging der aus Berlin stammende Fernsehjournalist nicht nur den Überlieferungen und Geschichten der heimatlichen Regionen nach, er hatte auch eine kleine Auswahl seines eigenen lyrischen Schaffens mitgebracht und unterhielt mit dieser guten Mischung ein sehr gut aufgelegtes Publikum, das sich dieser stimmungsvoll-vergnüglichen Soirée gerne hingab. Als Liedbeiträge hatte der Künstler so schöne Klassiker wie „Der Liebenbach“ oder „Das Kind im Brückenpfeiler“ mitgebracht, die den sagenhaften Geschichten einen schönen Rahmen gaben.

Foto: Walden

Souldance goes Classic – Unter diesem Motto zeigten am Donnerstagabend die Tänzer und Tänzerinnen des Tanzstudios „Souldance“ der Tänzerin und Tanztherapeutin Vicky Gabriel, was sie an Grazie und Akrobatik, Körperhaltung und Moves so zu bieten haben. Eine sehr bunte Mischung unterschiedlichster Stilrichtungen boten Tänzerinnen und Tänzer ganz verschiedenen Alters – alle hatten sich voller Begeisterung für diesen Auftritt vorbereitet, ganz gleich, ob sie Klassik, Jazz oder Breakdance interpretierten. Getanzte Lebensfreude und Leidenschaft hatten die Gäste an diesem Abend zu sehen und auch zu fühlen bekommen.

Swingit – Wer noch ein wenig Lust auf einen musikalischen Absacker hatte, dem waren am Himmelfahrtstag schließlich noch die Stücke für Klarinette und Orgel in der Walpurgiskirche empfohlen. Dorthin hatten der Organist Simon Wahby und der Klarinettist Mikael Børresen eingeladen. Mitgebracht zu ihrem Nachtkonzert hatten sie Geschichten aus dem Traumland – Stücke von Freude und Tanz, Liebe und Sehnsucht, Licht und Schatten. Musik wie gemacht für einen Abend nach einem Sommertag!

Wege der Reformation in Hessen – Als Beitrag zum Reformationsjubiläumsjahr 2017, aber auch als Programmpunkt der 4. Alsfelder Kulturtage, hatte der Geschichts- und Museumsverein Alsfeld vergangenen Freitag zu einem Vortrag in die Aula der Geschwister-Scholl-Schule geladen. Der Kirchenhistoriker Dr. Dirk Richhardt (Neukirchen) bot den 35 Besuchern einen detaillierten Überblick über die „Wege der Reformation in Hessen“. Ausgehend von der Christianisierung Hessens und des sowohl hierfür als auch für die spätere Reformation bedeutenden Straßennetzes behandelte der Vortragende grundlegende Fragestellungen: Wie kam es zu reformatorischen Ideen? Welche wichtigen Ereignisse fanden statt? Welche Hindernisse mussten überwunden werden? Wie entwickelte sich die Reformation nach dem sogenannten konfessionellen Zeitalter? Natürlich nahmen auch bedeutende handelnde Personen wie z. B. Philipp der Großmütige, Luther oder Melanchthon breiten Raum ein. Die politischen, kulturellen, sozialen und kirchlichen Auswirkungen der Reformation wurden betrachtet. Lokale Bezüge wie Luthers Besuch in Alsfeld, der Bauernkrieg oder die Rolle Tilemann Schnabels wurden ebenfalls nicht ausgespart. Zahlreiche Bild- und Textpräsentationen unterstützten Richhardts engagierte Ausführungen. Er verstand es glänzend, mit klaren, manchmal auch humorvollen Formulierungen die Aufmerksamkeit der Zuhörer über eineinhalb Stunden zu fesseln.

Foto: Hansen

C’est si bon – Wenn man sich im Gebrauchtwarenkaufhaus der Alten Molkerei fühlt wie in einem Pariser Straßencafé, gehört dazu schon eine Menge Magie! Diese brachten am Freitagabend die drei Musiker der Gruppe „Les Voisins“ – namentlich Axel Lorth, Matthias Kippert und Stefan Kortenbusch – mit in die Fachwerkstadt, die sie mit klassischen französischen Chansons zu unterhalten gedachten. Den Start machten sie mit einer kleinen Hymne auf Alsfeld, kamen dann aber gleich zur Sache und packten ein weites Repertoire aus: Charles Trenet, Edith Piaf, Gilbert Bécaud, Joe Dassin, Georges Mustaki – kein Name der Blütezeit des Chansons, der hier unerwähnt blieb. Mit Spielfreude und Leidenschaft spielten und sangen die Herren ein Stück nach dem anderen, schier unermüdlich gaben sie auch deutsche Texte zum Besten und hatten zu vielen Titeln und Sängern kleine Anekdoten auf Lager. In ihrer Auswahl hatten sie nicht nur die großen Chansonniers bedacht, sondern legten auch die ganze Bandbreite der in den französischen Liedern verarbeiteten Gefühle dar: überschwängliche Lebensfreude, tiefste Trauer, Sehnsucht, Liebe und Tod. Zum Abschluss entführten sie die Gäste noch in die Welt des deutschen Chansons. Mit viel Humor und jeder Menge Spaß ließen sie die Welt eines schillernden Berlins zwischen den Weltkriegen auferstehen und schlossen erst, als der Abend wirklich schon sehr, sehr weit fortgeschritten war. Da war es gut, dass das Team der Alsfelder Kulturtage für reichliche französisches Essen und Wein gesorgt hatte – ein weiteres Highlight dieses sehr französischen Abends.

Foto: Walden

Wer piept denn da? – Sehr früh aufstehen musste man für den ersten Programmpunkt des Samstags. Zur Naturstimmenwanderung mit Tilman Oeppert vom NABU-Kreisverband hatte das Forstamt Romrod eingeladen, und nicht wenige Frühaufsteher nutzten die Morgenstunde für eine schöne Exkursion durch den Schlosswald rund um Liederbach und Altenburg. Neben den vielen kleinen und großen Morgensängern gab es in dem verwunschenen Wald noch jede Menge anderes Getier zu hören und mitunter auch zu sehen. Eine Entdeckung, die das frühe Aufstehen mehr als wettmachte!

Foto: Walden

Vergessene Legenden – der Helden Berufung – Candrac von Hainrich alias Cornelius Klein las am Samstagnachmittag im schönen Ambiente des Antiquariats Buchbasalt. Der Roman das Homberger Autors erwies sich dabei als spannendes Lesevergnügen, nicht nur für Fantasy-Fans! „In einer kriegsbedrohten Welt, die durch umstrittene Entscheidungen der Regierungsfürsten eines mächtigen Landes im Chaos zu versinken scheint, suchen vier Freunde auf unterschiedlichen Wegen nach einem erfüllten Leben …“ Einen tiefgehenden Roman stellte Klein den interessierten Zuhörern vor, einer der am Ende auch an politisch-soziale und philosophische Fragestellungen unserer Zeit anknüpft. Der philosophische Diskurs über Macht und Ohnmacht, Freundschaft, Verrat und Liebe zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Dabei erleben die Protagonisten auf ihren Reisen nicht nur anschaulich und atmosphärisch dicht beschriebene Abenteuer; es sind zugleich auch Reisen in das Innere ihrer selbst, hochspannende Abenteuer ihrer Seelen, psychologisch stimmig dargestellt. Nie zu kurz kommt dabei der sinnliche Lesespaß, ebenso wenig wie die Komik, die immer wieder Raum zum Lachen und Schmunzeln lässt – nicht ohne Wiedererkennungswert bei sich selbst, sofern man fähig zur Selbstironie ist. Sogar Assoziationen zum Fußball, mit all seinen Symbolen von Sieg und Niederlage, Kampf und Leidenschaft und der Liebe zum Spiel sind möglich.

Die letzten Dinge – Oratorium vom Louis Spohr – Ein Ausnahmekonzert in Alsfeld, auf das sich Musikfreunde aus Nah und Fern schon lange gefreut hatten: Gemeinsam mit der Kammerphilharmonie Bad Nauheim präsentierte der Alsfelder Konzertchor unter der Leitung von Thomas Walter Louis Spohrs Oratorium „Die letzten Dinge“. In dieses Thema führte zunächst Pfarrer Walter Bernbeck ein: Das Oratorium beinhalte ausschließlich Bibelworte, so Bernbeck, nämlich aus der Offenbarung Johannes und der Propheten Hesekiel und Jeremia. Nach der Ouvertüre der Kammerphilharmonie setzte im zweiten Satz der Chor ein – ein perfektes Zusammenspiel von Musik und Gesang eröffnete sich dem entrückten Publikum, das begeistert von dieser Darbietung war. Als Solisten glänzten Gabriele Hierdeis, Birgit Schmickler, Marcus Ullmann und Christoph Kögel. Sie hielten musikalische Zwiesprache mit dem Chor und erzählten die Geschichte auf ihre eigene Weise. Wie gut das alles gelang, wie mitreißend der Gesang war, wie kongenial die musikalische Begleitung und wie ausgezeichnet das Konzert als musikalische Einheit, das konnte man am anhaltenden Applaus erkennen, den das Publikum aus tiefstem Herzen spendete.

Frühlingszeit – Unter diesem Titel hatte die Alsfelder Kolumnistin Traudi Schlitt ihre Lesung für den Sonntagnachmittag angekündigt, das Thema jedoch kurzerhand den heißen Temperaturen angepasst. „Sunny“ war es im Innenhof des malerischen Kleinen Cafés, als die Chronistin von „Alltag, Alsfeld, Aberwitz“ alle Register ihres Könnens zog, den Vatertag sezierte, den Pfingstmarkt nicht minder und die vermeintlichen Segnungen der Digitalisierung pries. Unterstützt würde sie dabei von der Band Jamsession, die sehr gechillten Swing in die lauschigen Ecken des Kleinen Cafés trug und für die nötige Abwechslung sorgte. Ihre Sommerkolumnen – ganz gleich, ob es sich dabei um einen sehr genauen Rundumblick im Schwimmbad handelte oder um die Frage, wann aus „Würstchengrillen“ „BBQ“ geworden ist – sorgten wie die Texte zuvor für viel Spaß und auch für jede Menge Wiedererkennen. Alte und neue Fans dankten es Traudi Schlitt und den Musikern Christoph Euler, Hendrik Schlitt und Lorenz Stamm mit viel Applaus.

Foto: Schlitt

Mal mal ein Denkmal – Eine ganze Reihe Kinder war am Sonntagnachmittag der Aufforderung von Ilona Kurz gefolgt und hatte sich vor der brütenden Hitze unter die schattigen Rathausbögen geflüchtet, die gleichzeitig auch Motiv für die jungen Künstler war. Entstanden sind in dieser Zeit bunte Bilder des Rathauses und des Markplatzes, gesehen mit Kinderaugen, festgehalten in Acryl auf Leinwand. Kursleiterin Ilona Kurz lobte die Kreativität der jungen Maler, die sie sehr beeindruckt hat. Sie hofft, dass in Kürze die Bilder des Alsfelder Wahrzeichens im Rathaus selbst zur Ausstellung kommen!

Foto: Jerabeck

Sunset Jazz – Und dann waren sie auch schon vorbei, die Alsfelder Kulturtage! Mit New Orleans – Jazz von Trevor Richards and Friends, swingten sie aus – ein schöneres Finale hätte man sich kaum vorstellen können! „Eine kultiviertere Art, Jazz zu spielen, kann man sich kaum vorstellen“, hieß es dazu in der Süddeutschen Zeitung. Das wussten die meisten Besucher auch schon vor diesem Abend, schließlich hat Trevor Richards in seiner neuen Vogelsberger Heimat schon lange eine treue Fangemeinde, die auch seine Freunde schon längst in ihr Herz geschlossen haben. John Shillito begeisterte die Jazzliebhaber mit seiner Trompete und seiner unglaublich jazzigen Stimme, die selbst die Aula der Albert-Schweitzer-Schule augenblicklich in einen rauchigen Jazzkeller zu verwandeln imstande war. Frank Roberscheuten als Klarinettist, Saxophonist und Sänger ließ mit seinem unvergleichlichen Stil die Swingära in Alsfeld auferstehen und sorgte, wie Pianist Harold John von Abstein für große Begeisterung. Bob Culverhouse schließlich spielte den Kontrabass in dieser gutabgestimmten Combo, die wirklich jeden einzelnen Gast verzückte und – wenn auch manchmal nur insgeheim – mitswingen ließ. Trevor Richards indes überzeugte wie eh und je an seinem Drum Set und als launiger Moderator, der seine Liebe zum Jazz unverhohlen mit seinem Publikum teilte.

Foto: Schlitt

Tja, und dann war es Zeit Abschied zu nehmen von den diesjährigen Kulturtagen. Was mit so viel Liebe und Herzblut geplant und umgesetzt worden war, war zu Ende. Bleiben jedoch wird auch dieses Mal wieder viel Gesprächsstoff, viel Input für den Geist und viel Freude auf die nächsten Alsfelder Kulturtage.

Foto: Schlitt