Klingendes Metall

Für viele sicher eines der Highlights der Alsfelder Kulturtage ist die Ausstellung von Werken der renommierten Künstlerin E.R. Nele, die am Freitagnachmittag im Haus „Gambrinus“ in der Obergasse eröffnet wurde. Ein großes interessiertes Publikum hatte sich dort versammelt, um diesem Ereignis, verbunden mit einem Eintrag ins Goldene Buch der Stadt, beizuwohnen. „Klingendes Metall“ heißt die Schau – einen Namen, den die „Tollen Tröten“, die Saxofonformation unter der Leitung von Ulrike Schimpf, zur Vernissage klangvoll aufgriffen.

In seiner so informativen wie unterhaltsamen Einführung ging Dr. Walter Windisch-Laube auf das Schaffen der Frankfurter Künstlerin ein, Tochter des documenta-Gründers Arnold Bode, später selbst documenta-Künstlerin und über ihren Onkel Paul Bode, der seinerzeit den Rasthof Pfefferhöhe entworfen hat, auch irgendwie mit Alsfeld verbunden. Viel Metall hatte die Künstlerin in das alte Fachwerkgebäude bringen lassen, filigrane Skulpturen, silbrig, licht die einen, in auffallendem Rot die anderen. Ausdruck von musikalischer Spannung und Bewegung, wie Windisch-Laube ausführte, der in der Skulptur „Jazz“ eine metallene Kristallisation, sichtbares Klingen entdeckte. Mit zahlreichen Hinweisen auf das in jeder Hinsicht auch politische Schaffen der Künstlerin, das beispielsweise auch das Kasseler Holocaust-Mahnmal „Die Rampe“ umfasst, schlug er stets einen Bogen zu den zahlreichen in Alsfeld ausgestellten Werken.

Hier sticht zum einen ganz besonders die kleinere Ausführung des „Walking Man“ hervor, die in Alsfeld im Innenraum aufgebaut ist, während die große Ausgabe davon zehn Meter hoch in Bad Vilbel über der Straße balanciert. Eine bei allem aufrechten Gang auch durchlässige und verletzliche Figur, eine bei aller Erhabenheit fragile Gestalt, den Figuren Giacomettis nicht ganz unähnlich, entdeckte Windisch-Laube darin.

An der Steinmauer des alten Hauses kann man – in einer Art Mimikry mit der Struktur verbunden – kleine, überaus fein in Bronze gearbeitete Figuren entdecken. „Europeans“ heißen sie und werfen, so der Redner „Schatten der Hoffnung in die Düsternis unserer Zeit zwischen weiterwirkend Vergangenem und drohend Kommendem“. Auch das Thema „Digitalisierung“ kann man in den Werken der Künstlerin wiederfinden, dargestellt wird die Komplexität des Denkens und Seins in Form von verschiedenen Köpfen oder an Köpfe erinnernde Skulpturen. Auf jeden einzelnen von ihnen lohnt ein langer und intensiver Blick, vereinen sich hier doch filigrane Erinnerungen und Begegnungen in Geflechten aus Metall.

Schirmherr und Bürgermeister Stephan Paule zeigte sich in seiner Ansprache sehr erfreut, in seiner Stadt eine Künstlerin von Weltruf begrüßen zu dürfen – kurz zuvor nämlich war Nele noch in Venedig und Athen aktiv. Dies sei eine deutliche „Öffnung der Stadt in der Mitte der Stadt“. Mitgebracht in das „Gambrinus“, das nur einen Steinwurf vom Rathaus entfernt liegt, hatte Paule das Goldene Buch der Stadt, in das die Künstlerin sich gerne eintrug. Seit 50 Jahren sammelt Alsfeld in diesem Buch prominente Besucher und verdienstvolle Alsfelder. Bald wird es gefüllt sein, gab der Bürgermeister bekannt, der sich freute, nun mit Nele eine so renommierte Künstlerin dort zu finden.

(Fotos: Traudi Schlitt)

Ausstellung mit Werken der Künstlerin E.R. Nele

Vernissage am 19. Mai um 17 Uhr

In der Frankfurter Künstlerin E. R. Nele und ihren Metallskulpturen verkörpert sich nicht zuletzt das Motto, zugleich die übergeordnete Thematik der 4. Alsfelder Kulturtage: Stadt / Land – PLUS! oder Das Große im Kleinen …

Ebenso wohl auch umgekehrt: das Kleine im Großen ihrer vielfach nicht eben kleinen Metallskulpturen. Nele, beeindruckend junggeblieben, feierte im März ihren 85. Geburtstag.

Als Tochter des documenta-Gründers Arnold Bode, später selbst documenta-Künstlerin und in Kassel bis heute mit Werken präsent, passierte Nele (so ihr einer Vor- und zugleich Künstlername) auf ihrem Weg zwischen Südhessen und Kassel das Fachwerk-Städtchen Alsfeld nicht selten und machte bisweilen auch Rast. Ihr Onkel Paul Bode übrigens gehörte zu den Entwerfern des Rasthofes Pfefferhöhe nahe Alsfeld, der sowohl eine fast sprichwörtliche lokale Örtlichkeit als auch ein überregional bekannter Fernstraßenstützpunkt ist – und zudem in der Adenauer-Ära für politischen Wirbel sorgte: als Bundesmonopol-Brecher unter den Autobahnraststätten und wegen lobbyistischer Machenschaften des Eigners. Im gleichen Jahr 1959, in dem das ebenfalls von Bode entworfene Staatstheater Kassel eröffnet wurde, begann man mit dem Bau der ‚Pfefferhöhe‘; und bei der documenta II stellte Nele aus, ebenso wie fünf Jahre später, 1964, bei der 3. Auflage der Welt-Kunstschau.

Im Vorfeld der Alsfelder Kulturtage lief in Darmstadt eine recht umfangreiche Nele-Werkretrospektive und -Hommage. Von großformatigen, teils haushohen Stahl-Installationen (anderwärts) bis hin zu kleinen, teilweise federnden Bronzeskulpturen von fragiler Anmutung und sogar Schmuck reicht Neles künstlerische Spannweite. Zwei Leitgedanken haben ihr Schaffen zuallermeist bestimmt: der hohe Anspruch an die ästhetische (wie auch die handwerkliche) Erscheinungsform ihrer Werke und die politisch-gesellschaftliche Zielrichtung, in Form (zumindest indirekter) künstlerischer Stellungnahme, gern auch in Verbindung mit literarischen Bezügen. Aus diesem spannungsreichen Wechsel- und Zusammenspiel entsteht der Gehalt, die zum Weiterdenken anregende „Aussage“ des überzeitlich mittels bleibenden Materials Geformten.

Die Vernissage wird musikalisch eingerahmt von den „Tollen Tröten“, der Saxofonformation unter Leitung von Ulrike Schimpf.

Freitag, 19. Mai, 17 Uhr, „Gambrinus“
Die Öffnungszeiten der Ausstellung:
Vom 19. bis 28. Mai täglich von 14 bis 18 Uhr
Veranstalter: Alsfelder Kulturtage e.V.
Eintritt frei

http://www.e-r-nele.de